Polizeiliche Todesschüsse

Seit der Wiedervereinigung wurden mindestens 315 Personen durch Kugeln der deutschen Polizei getötet.

Wir zählen von 1976 bis 1990 außerdem 153 tödliche Schüsse allein in Westdeutschland.
Jedes Jahr veröffentlicht die Konferenz der Innenminister*innen der Bundesländer eine neue Statistik zum polizeilichen Schusswaffengebrauch des Vorjahres. Neben Warnschüssen oder Schüssen auf Tiere und Sachen werden auch Polizeikugeln auf Personen und daraus resultierende Todesfälle gezählt.
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Die ab 1984 von den Behörden geführte Aufstellung ist jedoch anonym, es wird nicht auf die einzelnen Taten eingegangen. Die Statistik gibt auch keine Auskunft über die Opfer. Seit 1976 dokumentiert die Zeitschrift Bürgerrechte & Polizei/CILIP deshalb die Hintergründe zu den durch die Polizei verursachten Todesfällen. Dabei sammeln wir Informationen zur Beteiligung von Sondereinheiten, der Zahl jeweils abgegebener Schüsse und der Situation, in der sich die Schussabgabe zutrug.
So ist etwa von Bedeutung, ob die Getöteten selbst bewaffnet waren, sich womöglich in einer psychischen Ausnahmesituation befanden oder, wie es häufig geschieht, in ihrer eigenen Wohnung erschossen wurden.
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Chronik

468 polizeiliche Todesschüsse
468 polizeiliche Todesschüsse
an 273 Orten
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Mohammed Lamine Dramé
16 Jahre, männlich
Erschossen am 08.08.2022
In Dortmund, Nordrhein-Westfalen
Mit 6 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Ein Betreuer meldet der Polizei, dass auf einem Kirchengelände, wo sich eine Wohngruppe für unbegleitete Geflüchtete befindet, ein dort wohnender Jugendlicher mit einem Messer herumlaufe. Angeblich soll er in suizidaler Absicht Stiche in seinen Bauch angedeutet haben. Berichten zufolge greift der aus dem Senegal stammende Teenager die eintreffenden Polizist*innen mit dem Messer an, daraufhin schießt ein Beamter sechs Mal aus einer Maschinenpistole. Schwer verletzt von fünf Treffern in den Bauch, in den Kiefer, in den Unterarm und zweimal in die Schulter stirbt der Junge im Krankenhaus. Laut dem Staatsanwalt hat die Polizei auch Pfefferspray und einen Taser eingesetzt. Bodycams, die von Beamt*innen Berichten zufolge getragen wurden, waren möglicherweise ausgeschaltet.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Innenraum
Jouzef Berditchevski
48 Jahre, männlich
Erschossen am 03.08.2022
In Köln, Nordrhein-Westfalen
Mit 2 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1][2][3][4]
Polizist*innen in Zivil begleiten eine Gerichtsvollzieherin, um die Zwangsräumung eines 48-Jährigen im Stadtteil Ostheim durchzusetzen. Angeblich greift der Mieter, der zuvor Drohungen für den Fall seiner Räumung ausgesprochen haben soll, die Gruppe mit einem Messer an. Die Beamten setzen nach eigenen Angaben zunächst Pfefferspray ein und töten ihn schließlich mit der Schusswaffe, er stirbt nach zwei Treffern in der Wohnung. Medienberichten zufolge sei der Mann im Juni beim Amtsgericht Köln wegen Widerstand gegen Polizeibeamt*innen angeklagt worden, nachdem er seinen Suizid ankündigte und sich gegen deshalb gerufene Polizeibeamt*innen zur Wehr setzte. Der Tote war in Köln als Musiker bekannt.
SEK-Beteiligung
Innenraum
N.N.
23 Jahre, männlich
Erschossen am 02.08.2022
In Frankfurt am Main, Hessen
Quellen: [1][2][3]
Die Polizei wird von Zeug*innen informiert, nachdem das spätere Opfer angeblich in einem Hotel im Bahnhofsviertel in der Nacht Personen bedroht. Angeblich ist der aus Somalien stammende Mann bewaffnet und verletzt einen Polizeihund mit dem Messer. Ein angefordertes Spezialeinsatzkommando erschießt den 23-Jährigen gegen 4 Uhr mit einem Kopfschuss, offenbar ist er sofort tot. Der zuvor wohnsitzlose Mann soll ein Zimmer in dem Hotel bewohnt haben.
SEK-Beteiligung
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Innenraum
N.N.
50 Jahre, männlich
Erschossen am 12.04.2022
In Neukirchen-Vluyn, Nordrhein-Westfalen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Laut der Polizei Duisburg fährt eine Streife zu der Wohnung des eines Zeugen zufolge psychisch kranken Mannes, der dort angeblich randaliert und Gegenstände aus seiner Wohnung wirft. Die Beamt*innen werden demnach mit einem „Fleischermesser“ bedroht und rufen daraufhin ein Spezialeinsatzkommando, das der Mann angreift. Die Einsatzkräfte schießen mehrmals auf das Opfer, das lebensgefährlich verletzt im Krankenhaus stirbt.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
N.N.
47 Jahre, männlich
Erschossen am 24.02.2022
In Gunzenhausen, Bayern
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
In einem Haus legt ein Mann mutmaßlich selbst Feuer und randaliert, Passant*innen rufen deshalb die Polizei. Bei Löscharbeiten der Feuerwehr greift er die Beamt*innen mit einem Messer an. Daraufhin schießen zwei Polizisten auf ihn, das Opfer verstirbt wenig später im Krankenhaus.
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
Innenraum
N.N.
35 Jahre, männlich
Erschossen am 26.12.2021
In Herford, Nordrhein-Westfalen
Bewaffnet mit Gas-/ Schreckschusswaffe
Quellen: [1][2][3][4]
Eine Frau ruft laut Medienberichten wegen häuslicher Gewalt die Polizei, ihr Freund habe sie in ihrer Wohnung mit einer Stichwaffe verletzt. In Gegenwart der Polizist*innen zieht dieser demnach eine Schusswaffe; die Beamt*innen schießen daraufhin und verletzen den Mann schwer. Am 28. Dezember stirbt er im Krankenhaus, laut einer Presseerklärung der Staatsanwaltschaft und der Polizei Bielefeld sind die Schussverletzungen ursächlich. Die vermeintliche Schusswaffe stellt sich als Schreckschusspistole heraus.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
Kamal Ibrahim
40 Jahre, männlich
Erschossen am 03.10.2021
In Stade, Niedersachsen
Mit 11 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1][2][3]
Laut der Staatsanwaltschaft Stade seien Polizeikräfte zweimal in die Geflüchtetenunterkunft gerufen worden, weil der alkoholisierte Mann andere Personen bedroht habe. Die Situation habe sich aber jeweils beruhigen lassen, sodass auf eine Einweisung in eine psychiatrische Anstalt verzichtet wurde. Das spätere Opfer sei sogar von sich aus mit auf die Polizeiwache gefahren und habe dort etwa dreieinhalb Stunden in einer Ausnüchterungszelle verbracht. Kurz vor Mitternacht führt dann der dritte Einsatz zum Tod. Der aus dem Sudan Geflüchtete greift die alarmierten Po­li­zis­t*in­nen angeblich mit einem Messer an, diese schießen daraufhin. Die Staatsanwaltschaft Stade stellt ein Ermittlungsverfahren gegen vier Polizist:innen wegen des Verdachts des Totschlags mangels hinreichenden Tatverdachts im März 2022 eint.
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
N.N.
39 Jahre, männlich
Erschossen am 25.08.2021
In Groß-Gerau, Hessen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Eine alarmierte Polizeistreife schiesst auf den Mann und trifft ihn fünf Mal, dieser stirbt schwer verletzt während der Versorgung durch einen Notarzt. Der Mann soll laut der Staatsanwaltschaft in Darmstadt seine Frau, seine Schwiegermutter und zwei Nachbarn mit einem Messer verletzt haben. Die Familie widerspricht den Berichten, wonach der Mann gewalttätig gewesen sei.
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
N.N.
45 Jahre, männlich
Erschossen am 24.06.2021
In Freudenstadt, Baden-Württemberg
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Eine Frau ruft die Polizei wegen häuslicher Gewalt. Während diese noch versucht den Konflikt zu schlichten, zieht der Mann plötzlich ein Messer und greift die Beamt*innen an. Ein Polizist gibt daraufhin mehrere Schüsse auf ihn ab; der Mann stirbt noch vor Ort.
SEK-Beteiligung
N.N.
41 Jahre, männlich
Erschossen am 22.06.2021
In Frankfurt am Main, Hessen
Bewaffnet mit Schusswaffe, Stichwaffe
Quellen: [1][2][3]
Die Polizei wird wegen einer „Gefährdungslage“ in einem Wohnhaus alarmiert. Als die Beamt*innen eintreffen, stoßen sie dort auf einen mit einer Schusswaffe und einem Messer bewaffneten Mann, der sie angreift. Ein Polizist wird verletzt. Daraufhin werden mehrere Schüsse auf ihn abgegeben, der Mann zieht sich wieder in seine Wohnung zurück. Ein SEK wird hinzugezogen; dieses findet ihn leblos auf. Die Obduktion ergibt, dass der Mann an einem polizeilichen Schuss in die Seite verblutet ist.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Innenraum
N.N.
35 Jahre, männlich
Erschossen am 13.06.2021
In Wuppertal, Nordrhein-Westfalen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1][2]
Die Polizei wird gerufen, weil in einem Mehrfamilienhaus ein Mann seine Nachbar*innen bedroht. Als Polizist*innen in seine Wohnung eindringen, werden sie nach Darstellung der Staatsanwaltschaft mit einem Messer beworfen und dann mit einem Knüppel und einem „anderen Gegenstand“ angegriffen. Ein Beamter gibt daraufhin Schüsse aus einer Maschinenpistole auf den Mann ab, drei davon treffen ihn tödlich. Die Bodycam eines Beamten zeichnet die Tat auf.
SEK-Beteiligung
N.N.
36 Jahre, männlich
Erschossen am 28.05.2021
In Hamburg
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Ein Geflüchteter aus dem Libanon bedroht Umstehende mit einem Messer und randaliert, die eintreffende Polizei empfängt er angeblich mit Rufen „Allahu Akbar“. Die Beamt*innen setzen zunächst Pfefferspray gegen ihn ein, ein in der Nähe befindliches SEK-Kommando versucht ihn mit einem Taser zu stoppen. Da er die Polizei angeblich weiter bedrohte, gibt ein Polizeibeamter mehrere Schüsse auf den Mann ab, er stirbt vor Ort.
Schusswechsel
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
Innenraum
N.N.
65 Jahre, männlich
Erschossen am 06.01.2021
In Mülheim/Ruhr, Nordrhein-Westfalen
Bewaffnet mit Schusswaffe
Quellen: [1]
Die Polizei wird gerufen, weil in einem Mehrfamilienhaus „laute Knallgeräusche“ gehört werden. Als die Beamt*innen ankommen, treffen sie im Hausflur auf einen Mann mit einem Gewehr. Bei dem anschließenden Schusswaffengebrauch wird der Mann tödlich getroffen und verstirbt vor Ort.
SEK-Beteiligung
N.N.
Alter: unbekannt, männlich
Erschossen am 12.11.2020
In Erligheim, Baden-Württemberg
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Als zwei Männer, gegen die bereits wegen Automatensprengungen ermittelt wird, in einer Bank erneut die Sprengung eines Geldautomaten vorbereiten, sollen sie von dem observierenden MEK festgenommen werden. Daraufhin greift einer der Täter die Beamten mit einem langen Schraubenzieher an; diese schießen mehrfach auf ihn. Der Mann stirbt noch vor Ort, der zweite Täter versucht zu flüchten und wird in der Nähe festgenommen.
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
Innenraum
N.N.
36 Jahre, männlich
Erschossen am 10.11.2020
In Tegernsee, Bayern
Mit 2 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Die Polizei wird von Nachbar*innen zu einem gewalttätigen Familienstreit alarmiert. Daraufhin nimmt der Mann seine Ehefrau als Geisel und droht sie zu töten. Als die Beamt*innen daraufhin in die Wohnung eindringen, greift er sie mit einem Messer an. Daraufhin gibt ein Beamter zwei Schüsse auf ihn ab, von denen einer tödlich ist. Auch die Frau stirbt noch vor Ort an den ihr zugefügten Verletzungen.
SEK-Beteiligung
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Innenraum
N.N.
40 Jahre, männlich
Erschossen am 16.10.2020
In Münster, Nordrhein-Westfalen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
In der JVA Münster bringt ein Häftling eine Justiz-Auszubildende mit einer angespitzten Zahnbürste in seine Gewalt und fordert einen Flucht-Hubschrauber. Nachdem Verhandlungen mit dem „psychisch unberechenbaren“ Täter scheitern, wird nach drei Stunden ein SEK eingesetzt; im Verlauf des Einsatzes wird der Mann „gezielt“ erschossen. Die Geisel bleibt „nahezu unverletzt“.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
N.N.
29 Jahre, männlich
Erschossen am 15.07.2020
In Bad Schussenried, Baden-Württemberg
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Ein Mann und eine Frau flüchten aus dem offenen Maßregelvollzug einer psychiatrischen Klinik, beide sind mit einem Messer bewaffnet. Als sie von den alarmierten Polizist*innen gestellt werden, greifen sie die Beamt*innen damit an. Diese schießen; der Mann wird im Hüftbereich getroffen und verstirbt im Krankenhaus. Die Frau wird in den Oberschenkel geschossen.
Innenraum
N.N.
57 Jahre, männlich
Erschossen am 07.07.2020
In Mainz, Rheinland-Pfalz
Mit 4 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Die Polizei wird alarmiert weil ein Mann in einer Seniorenwohnanlage einen Nachbarn mit einem Messer angreift und am Arm und im Gesicht verletzt. Danach verschanzt sich der Täter in seiner Wohnung. Ein SEK wird angefordert, doch bevor es eintrifft kommt der Mann wieder aus der Wohnung heraus und geht mit dem Messer auf die Beamten zu. Nachdem Pfefferspray und Taser erfolglos bleiben, gibt ein Beamter vier Schüsse auf ihn ab von denen ihn drei in den Oberkörper treffen.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Innenraum
Mohamed Idrissi
54 Jahre, männlich
Erschossen am 18.06.2020
In Bremen
Mit 2 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Eine Vermieterin fordert für die Besichtigung eines Wasserschadens in der Wohnung eines psychisch erkrankten Mieters Polizeischutz an. Nach der Besichtigung soll der Mann zur psychisch-sozialen Untersuchung auf eine Wache gebracht werden. Als er sich weigert rufen die Beamt*innen Verstärkung. Im Hinterhof zückt der Mann ein Messer, auf Aufforderungen das Messer abzulegen reagiert er nicht. Als ein Polizeibeamter versucht Pfefferspray einzusetzen, stürmt er auf die Polizist*innen los. Daraufhin fallen zwei Schüsse, die den Mann in den Oberkörper treffen, er stirbt später im Krankenhaus. Gegen einen der Schützen wird ermittelt.
Innenraum
N.N.
23 Jahre, männlich
Erschossen am 18.06.2020
In Twist, Niedersachsen
Bewaffnet mit Hiebwaffe, Stichwaffe
Quellen: [1]
In einer Arztpraxis und einem benachbarten Wohnhaus bedroht ein Asylbewerber aus Guinea mehrere Menschen; verletzt wird dabei niemand. Als alarmierte Polizist*innen eintreffen, greift er auch mit dem Messer an. Ein Beamter schießt ihm in den Oberschenkel und verletzt ihn „erheblich“, so dass der Mann bereits auf dem Weg ins Krankenhaus reanimiert werden muss. Einige Stunden später verstirbt der Mann.
Die Zeitschrift Bürgerrechte & Polizei/CILIP liefert seit 1978 kritische Analysen zur Politik und Praxis Innerer Sicherheit in Deutschland und Europa.
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