Polizeiliche Todesschüsse

Seit der Wiedervereinigung wurden mindestens 312 Personen durch Kugeln der deutschen Polizei getötet.

Wir zählen von 1976 bis 1990 außerdem 153 tödliche Schüsse allein in Westdeutschland.
Jedes Jahr veröffentlicht die Konferenz der Innenminister*innen der Bundesländer eine neue Statistik zum polizeilichen Schusswaffengebrauch des Vorjahres. Neben Warnschüssen oder Schüssen auf Tiere und Sachen werden auch Polizeikugeln auf Personen und daraus resultierende Todesfälle gezählt.
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Die ab 1984 von den Behörden geführte Aufstellung ist jedoch anonym, es wird nicht auf die einzelnen Taten eingegangen. Die Statistik gibt auch keine Auskunft über die Opfer. Seit 1976 dokumentiert die Zeitschrift Bürgerrechte & Polizei/CILIP deshalb die Hintergründe zu den durch die Polizei verursachten Todesfällen. Dabei sammeln wir Informationen zur Beteiligung von Sondereinheiten, der Zahl jeweils abgegebener Schüsse und der Situation, in der sich die Schussabgabe zutrug.
So ist etwa von Bedeutung, ob die Getöteten selbst bewaffnet waren, sich womöglich in einer psychischen Ausnahmesituation befanden oder, wie es häufig geschieht, in ihrer eigenen Wohnung erschossen wurden.
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Chronik

465 polizeiliche Todesschüsse
465 polizeiliche Todesschüsse
an 273 Orten
SEK-Beteiligung
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Innenraum
N.N.
50 Jahre, männlich
Erschossen am 12.04.2022
In Neukirchen-Vluyn, Nordrhein-Westfalen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Laut der Polizei Duisburg fuhr eine Streife zu der Wohnung des eines Zeugen zufolge psychisch kranken Mannes, der dort randaliert und Gegenstände aus seiner Wohnung geworfen haben soll. Die Beamt*innen seien mit einem „Fleischermesser“ bedroht worden und hätten daraufhin ein Spezialeinsatzkommando gerufen, das der Mann angegriffen habe. Die Einsatzkräfte schossen mehrmals auf das Opfer, das lebensgefährlich verletzt im Krankenhaus verstarb.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
N.N.
47 Jahre, männlich
Erschossen am 24.02.2022
In Gunzenhausen, Bayern
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
In einem Haus lägt ein Mann mutmaßlich selbst Feuer und randaliert, Passant*innen rufen deshalb die Polizei. Bei Löscharbeiten der Feuerwehr greift er die Beamt*innen mit einem Messer an. Daraufhin schießen zwei Polizisten auf ihn, das Opfer verstirbt wenig später im Krankenhaus.
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
Innenraum
N.N.
35 Jahre, männlich
Erschossen am 26.12.2021
In Herford, Nordrhein-Westfalen
Bewaffnet mit Gas-/ Schreckschusswaffe
Quellen: [1][2][3][4]
Eine Frau ruft laut Medienberichten wegen häuslicher Gewalt die Polizei, ihr Freund habe sie in ihrer Wohnung mit einer Stichwaffe verletzt. In Gegenwart der Polizist*innen zieht dieser demnach eine Schusswaffe; die Beamt*innen schießen daraufhin und verletzen den Mann schwer. Am 28. Dezember stirbt er im Krankenhaus, laut einer Presseerklärung der Staatsanwaltschaft und der Polizei Bielefeld sind die Schussverletzungen ursächlich. Die vermeintliche Schusswaffe stellt sich als Schreckschusspistole heraus.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
Kamal Ibrahim
40 Jahre, männlich
Erschossen am 03.10.2021
In Stade, Niedersachsen
Mit 11 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1][2][3]
Laut der Staatsanwaltschaft Stade seien Polizeikräfte zweimal in die Geflüchtetenunterkunft gerufen worden, weil der alkoholisierte Mann andere Personen bedroht habe. Die Situation habe sich aber jeweils beruhigen lassen, sodass auf eine Einweisung in eine psychiatrische Anstalt verzichtet wurde. Das spätere Opfer sei sogar von sich aus mit auf die Polizeiwache gefahren und habe dort etwa dreieinhalb Stunden in einer Ausnüchterungszelle verbracht. Kurz vor Mitternacht führte dann der dritte Einsatz zum Tod. Der aus dem Sudan Geflüchtete habe die alarmierten Po­li­zis­t*in­nen mit einem Messer angegriffen, diese hätten dann geschossen. Die Staatsanwaltschaft Stade hat ein Ermittlungsverfahren gegen vier Polizist:innen wegen des Verdachts des Totschlags mangels hinreichenden Tatverdachts im März 2022 eingestellt.
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
N.N.
39 Jahre, männlich
Erschossen am 25.08.2021
In Groß-Gerau, Hessen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Eine alarmierte Polizeistreife schiesst auf den Mann und trifft ihn fünf Mal, dieser stirbt schwer verletzt während der Versorgung durch einen Notarzt. Der Mann soll laut der Staatsanwaltschaft in Darmstadt seine Frau, seine Schwiegermutter und zwei Nachbarn mit einem Messer verletzt haben. Die Familie widerspricht den Berichten, wonach der Mann gewalttätig gewesen sei.
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
N.N.
45 Jahre, männlich
Erschossen am 24.06.2021
In Freudenstadt, Baden-Württemberg
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Eine Frau ruft die Polizei wegen häuslicher Gewalt. Während diese noch versucht den Konflikt zu schlichten, zieht der Mann plötzlich ein Messer und greift die Beamt*innen an. Ein Polizist gibt daraufhin mehrere Schüsse auf ihn ab; der Mann stirbt noch vor Ort.
SEK-Beteiligung
N.N.
41 Jahre, männlich
Erschossen am 22.06.2021
In Frankfurt am Main, Hessen
Bewaffnet mit Schusswaffe, Stichwaffe
Quellen: [1][2][3]
Die Polizei wird wegen einer „Gefährdungslage“ in einem Wohnhaus alarmiert. Als die Beamt*innen eintreffen, stoßen sie dort auf einen mit einer Schusswaffe und einem Messer bewaffneten Mann, der sie angreift. Ein Polizist wird verletzt. Daraufhin werden mehrere Schüsse auf ihn abgegeben, der Mann zieht sich wieder in seine Wohnung zurück. Ein SEK wird hinzugezogen; dieses findet ihn leblos auf. Die Obduktion ergibt, dass der Mann an einem polizeilichen Schuss in die Seite verblutet ist.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Innenraum
N.N.
35 Jahre, männlich
Erschossen am 13.06.2021
In Wuppertal, Nordrhein-Westfalen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1][2]
Die Polizei wird gerufen, weil in einem Mehrfamilienhaus ein Mann seine Nachbar*innen bedroht. Als Polizist*innen in seine Wohnung eindringen, werden sie nach StA-Angaben vom 14. Juni von dem Mann mit einem Messer beworfen und dann mit einem Knüppel und einem „anderen Gegenstand“ angegriffen. Ein Beamter gibt daraufhin Schüsse aus einer Maschinenpistole auf den Mann ab, drei davon treffen ihn tödlich. Die Bodycam eines Beamten zeichnet die Tat auf.
SEK-Beteiligung
N.N.
36 Jahre, männlich
Erschossen am 28.05.2021
In Hamburg
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Ein Geflüchteter aus dem Libanon bedroht Umstehende mit einem Messer und randaliert, die eintreffende Polizei empfängt er angeblich mit Rufen „Allahu Akbar“. Die Beamt*innen setzen zunächst Pfefferspray gegen ihn ein, ein in der Nähe befindliches SEK-Kommando versucht ihn mit einem Taser zu stoppen. Da er die Polizei angeblich weiter bedrohte, gibt ein Polizeibeamter mehrere Schüsse auf den Mann ab, er stirbt vor Ort.
Schusswechsel
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
Innenraum
N.N.
65 Jahre, männlich
Erschossen am 06.01.2021
In Mülheim/Ruhr, Nordrhein-Westfalen
Bewaffnet mit Schusswaffe
Quellen: [1]
Die Polizei wird gerufen, weil in einem Mehrfamilienhaus „laute Knallgeräusche“ gehört werden. Als die Beamt*innen ankommen, treffen sie im Hausflur auf einen Mann mit einem Gewehr. Bei dem anschließenden Schusswaffengebrauch wird der Mann tödlich getroffen und verstirbt vor Ort.
SEK-Beteiligung
N.N.
Alter: unbekannt, männlich
Erschossen am 12.11.2020
In Erligheim, Baden-Württemberg
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Als zwei Männer, gegen die bereits wegen Automatensprengungen ermittelt wird, in einer Bank erneut die Sprengung eines Geldautomaten vorbereiten, sollen sie von dem observierenden MEK festgenommen werden. Daraufhin greift einer der Täter die Beamten mit einem langen Schraubenzieher an; diese schießen mehrfach auf ihn. Der Mann stirbt noch vor Ort, der zweite Täter versucht zu flüchten und wird in der Nähe festgenommen.
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
Innenraum
N.N.
36 Jahre, männlich
Erschossen am 10.11.2020
In Tegernsee, Bayern
Mit 2 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Die Polizei wird von Nachbar*innen zu einem gewalttätigen Familienstreit alarmiert. Daraufhin nimmt der Mann seine Ehefrau als Geisel und droht sie zu töten. Als die Beamt*innen daraufhin in die Wohnung eindringen, greift er sie mit einem Messer an. Daraufhin gibt ein Beamter zwei Schüsse auf ihn ab, von denen einer tödlich ist. Auch die Frau stirbt noch vor Ort an den ihr zugefügten Verletzungen.
SEK-Beteiligung
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Innenraum
N.N.
40 Jahre, männlich
Erschossen am 16.10.2020
In Münster, Nordrhein-Westfalen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
In der JVA Münster bringt ein Häftling eine Justiz-Auszubildende mit einer angespitzten Zahnbürste in seine Gewalt und fordert einen Flucht-Hubschrauber. Nachdem Verhandlungen mit dem „psychisch unberechenbaren“ Täter scheitern, wird nach drei Stunden ein SEK eingesetzt; im Verlauf des Einsatzes wird der Mann „gezielt“ erschossen. Die Geisel bleibt „nahezu unverletzt“.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
N.N.
29 Jahre, männlich
Erschossen am 15.07.2020
In Bad Schussenried, Baden-Württemberg
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Ein Mann und eine Frau flüchten aus dem offenen Maßregelvollzug einer psychiatrischen Klinik, beide sind mit einem Messer bewaffnet. Als sie von den alarmierten Polizist*innen gestellt werden, greifen sie die Beamt*innen damit an. Diese schießen; der Mann wird im Hüftbereich getroffen und verstirbt im Krankenhaus. Die Frau wird in den Oberschenkel geschossen.
Innenraum
N.N.
57 Jahre, männlich
Erschossen am 07.07.2020
In Mainz, Rheinland-Pfalz
Mit 4 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Die Polizei wird alarmiert weil ein Mann in einer Seniorenwohnanlage einen Nachbarn mit einem Messer angreift und am Arm und im Gesicht verletzt. Danach verschanzt sich der Täter in seiner Wohnung. Ein SEK wird angefordert, doch bevor es eintrifft kommt der Mann wieder aus der Wohnung heraus und geht mit dem Messer auf die Beamten zu. Nachdem Pfefferspray und Taser erfolglos bleiben, gibt ein Beamter vier Schüsse auf ihn ab von denen ihn drei in den Oberkörper treffen.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Innenraum
Mohamed Idrissi
54 Jahre, männlich
Erschossen am 18.06.2020
In Bremen
Mit 2 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Eine Vermieterin fordert für die Besichtigung eines Wasserschadens in der Wohnung eines psychisch erkrankten Mieters Polizeischutz an. Nach der Besichtigung soll der Mann zur psychisch-sozialen Untersuchung auf eine Wache gebracht werden. Als er sich weigert rufen die Beamt*innen Verstärkung. Im Hinterhof zückt der Mann ein Messer, auf Aufforderungen das Messer abzulegen reagiert er nicht. Als ein Polizeibeamter versucht Pfefferspray einzusetzen, stürmt er auf die Polizist*innen los. Daraufhin fallen zwei Schüsse, die den Mann in den Oberkörper treffen, er stirbt später im Krankenhaus. Gegen einen der Schützen wird ermittelt.
Innenraum
N.N.
23 Jahre, männlich
Erschossen am 18.06.2020
In Twist, Niedersachsen
Bewaffnet mit Hiebwaffe, Stichwaffe
Quellen: [1]
In einer Arztpraxis und einem benachbarten Wohnhaus bedroht ein Asylbewerber aus Guinea mehrere Menschen; verletzt wird dabei niemand. Als alarmierte Polizist*innen eintreffen, greift er auch mit dem Messer an. Ein Beamter schießt ihm in den Oberschenkel und verletzt ihn „erheblich“, so dass der Mann bereits auf dem Weg ins Krankenhaus reanimiert werden muss. Einige Stunden später verstirbt der Mann.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
Peter Bündgens
37 Jahre, männlich
Erschossen am 26.05.2020
In Aachen, Nordrhein-Westfalen
Mit 2 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Zwei wegen Raubdelikten verurteilte Männer bedrohen in einer psychiatrischen Klinik zwei Pfleger mit einem Küchenmesser und zwingen einen von ihnen die Außentüre öffnen zu lassen. Anschließend flüchten sie in seinem Auto. Mehrere Streifenwagen der Polizei nehmen die Fahndung auf. Als die Gesuchten entdeckt werden, nimmt einer von ihnen eine Frau als Geisel. Nachdem er trotz Androhung von Schusswaffengebrauch nicht davon ablässt, schießen zwei Beamt*innen. Beide Schüsse treffen den Geiselnehmer; er stirbt vor Ort. Der zweite Täter wird widerstandslos festgenommen.
Mutm. psych. Ausnahmesituation
N.N.
67 Jahre, männlich
Erschossen am 08.05.2020
In Osnabrück, Niedersachsen
Mit 2 Schüssen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Als ein Mann auf ärztliche Anordnung in die Psychiatrie eingewiesen werden soll, attackiert die Rettungskräfte. Als drei Polizist*innen zur Unterstützung eintreffen, werden sie mit einem Messer attackiert. Daraufhin fallen zwei Schüsse. Der Mann kann sich noch in seine Wohnung zurückziehen, wo er später tot aufgefunden wird.
Verletzte/getötete Beamte
Mutm. famil. oder häusl. Gewalt
N.N.
26 Jahre, männlich
Erschossen am 28.04.2020
In Hüddesum, Niedersachsen
Bewaffnet mit Stichwaffe
Quellen: [1]
Die Polizei wird von einem Ehepaar alarmiert, weil ihr Sohn versucht die Haustür einzutreten. Als die Beamt*innen eintreffen, werden sie von dem Mann sofort mit einer Forke angegriffen und „erheblich“ verletzt. Der Beamte gibt zwei Schüsse auf die Beine des Täters ab. Dennoch verstirbt er später im Krankenhaus. Auch der Beamte und seine Kollegin müssen ambulant behandelt werden.
Die Zeitschrift Bürgerrechte & Polizei/CILIP liefert seit 1978 kritische Analysen zur Politik und Praxis Innerer Sicherheit in Deutschland und Europa.
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